Ein spannender Seminartag bei den Falken Westliches Westfalen

religionBericht vom Seminar zur Religionskritik

Ein schöner Sonntag im grauen Ückendorf – was macht mensch da? Klar, brave Menschen gehen in die Kirche. Und die anderen? Die gehen zu den Falken!
Auf dem WYF haben wir gemeinsam Geschichte gemacht, die BuKo haben wir gerockt und jetzt war es Zeit für das erste Seminar der Falken Westliches Westfalen im Jahr 2013. Wieder mit dabei waren auch mehrere Genoss*innen, die schon auf dem Antifa-Seminar im letzten Herbst waren und auch weiterhin Bock darauf haben, interessante Themen und spannende Inhalte bei den Falken zu diskutieren.

Religionskritik – ein Thema, das früher einmal geklärt zu sein schien in der Arbeiter*innenbewegung. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Falken sind längst kein atheistischer Verband mehr und zu uns kommen jede Menge junger Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen, die unserem Genossen Kurt Löwenstein zu seiner Zeit mit Sicherheit noch nicht so präsent waren. Der Bezirk Westliches Westfalen brachte zum letzten Herbst-Bundesausschuss einen Antrag zum Thema Religionskritik ein und hat damit kontroverse Diskussionen ausgelöst.

OK, dann stellen wir sie eben nochmal, die Gretchenfrage: „Wie, Genoss*innen, halten wir es mit der Religion?“

Den Anfang machten wir in vier Schritten: Kopfrocken mit Ludwig Feuerbach, Austausch über unsere eigenen Erfahrungen mit der Kirche und mit Religion, dem Religionsdiagramm und schließlich mit der Frage nach Alternativen und wie wir das Thema weiter im Verband behandeln wollen.

Kopfrocken mit Feuerbach
Gibt es einen Gott? Diese Frage beantworte der alte Feuerbach eindeutig mit „Ja“. Es gibt ihn und zwar als menschliche Vorstellung. Das, was sich die Menschen an Werten und an Regeln gibt – Gerechtigkeit, Güte, Enthaltsamkeit – das alles begründen sie nicht aus der Gesellschaft heraus, sondern fassen es zusammen auf einen Begriff und nennen diesen dann Gott, Jahwe, Allah und wie auch immer. Damit schaffen sie sich selber ihre Zwänge, indem sie ihre Ordnung nicht mehr als selbst gemacht und damit auch veränderbar begreifen, sondern sie sich als eine ewige Weisheit vorstellen, die schon vor ihnen und ohne sie auf der Welt ist. Damit sagen sie gleichzeitig, dass sie im Vergleich zu Gott immer nur ein kleines, unwissendes und verächtliches Wesen sein können. Solche Vorstellungen sind dann natürlich super für die Aufrechterhaltung der Herrschaft, egal, ob wir von König*innen regiert werden oder ob wir uns in der kapitalistischen Welt einrichten.
Als Sozialist*innen sollte uns eigentlich klar sein: der Mensch macht seine Geschichte selber und der Mensch ist solange ein verächtliches Wesen, wie er selbst die Grundlagen seiner Knechtschaft nicht erkennt und solange er sich nicht selbst davon befreit. Eben das war einmal die Grundlage für den Kampf der Arbeiter*innenbewegung und für die Zeltlagerpädagogik unseres Genossen Löwenstein.

Erfahrungsaustausch
Die Erfahrung, die wir bisher mit der Kirche und der Religion gemacht haben, waren verschiedene. Die meisten von uns haben ein christliches Elternhaus oder waren früher einmal in einer christlichen Kinder- oder Jugendgruppe dabei. Das war weniger deshalb, weil wir Jesus so cool fanden, sondern weil wir zusammen in der Gruppe sein und etwas mit unseren Freund*innen unternehmen wollten. Das das besser und selbstbestimmter bei den Falken geht, das haben wir dann später mitbekommen. Manche von uns sind auch heute noch Mitglied in der Kirche – leider – weil dies Vorteile im Berufsleben bringen kann.
Nicht alle von uns waren in derselben Weise antireligiös eingestellt. Die Frage, ob mensch eine positiv gewendete Religion ohne die offizielle Kirche leben könne, konnten wir an einem Tag nicht klären und haben sie für den Themenspeicher aufgehoben.
Eine weitere spannende Frage ist die Religion in unserem Sprachgebrauch. Dass die Sprache von Rassismus und Sexismus beeinflusst ist, ist bei den Falken schon länger bekannt und hat auch schon Eingang in unser pädagogisches Programm gefunden. Beim Thema Religion sind wir da noch nicht so weit.

Religions-Diagramm
Im Religions-Diagramm haben wir versucht, in der Gruppe unsere Standpunkte zu jeder Menge Fragen zu erarbeiten, die mit Religion zusammenhängen. Sinnstiftung, Taufe als Kind und als Erwachsene*r, Schutzengel, Religionsunterricht, kein Sex vor der Ehe – diese und weitere Punkte haben wir auf Karten geschrieben und in einem Diagramm eingeordnet, je nachdem, ob sie auf Zwang oder auf Freiwilligkeit beruhen und danach, ob wir sie für legitim oder für illegitim halten. Die Diskussionen darum gingen natürlich noch viel weiter und am Ende konnten wir eines auf jeden Fall feststellen: Was Zwang ist und was freiwillig ist, das ist in dieser Gesellschaft so einfach nicht festzustellen. Und nur weil eine Sache von vielen Menschen freiwillig gemacht wird, müssen wir sie noch lange nicht gut finden. Wenn sich eine christliche Sekte kollektiv selber umbringt, weil sie das Jüngste Gericht erwartet, aber auch, wenn Leute sich vor Gott das Ja-Wort geben, dann ist das beides freiwillig aber trotzdem zu kritisieren.

Konsequenzen und Alternativen>
Alternativen? Selbstverständlich greifen wir niemanden wegen ihrer*seiner Religion an. Und verbieten es auch niemandem, ein Kreuz um den Hals oder ein Kopftuch zu tragen. Und wir kommen auch ganz gut damit klar, wenn es auf unseren Zeltlagern kein Schweinefleisch zu essen gibt. Religion ist Privatsache, als solche ist sie aber auch politisch. Eben deswegen müssen wir uns weiter kritisch mit ihr auseinandersetzen und gemeinsam Wege finden, wie wir als sozialistischer Jugendverband dazu stehen. Wie offen wollen wir als Verband sein, mit unseren Offenen Türen und auf unseren Zeltlagern? Wo ziehen wir die Grenzen der Vielfalt?
Das bleibt eine schwierige Frage und kann an einem Tag nicht gelöst werden. Wir sind uns aber einig darin, dass wir das Thema weiter im gesamten Verband diskutieren wollen. Ganz konkret wollen wir uns noch einmal zu dem Thema zusammensetzen und an einem Konzept für einen Workshop auf der Verbandswerkstatt 2014 arbeiten. Es bleibt also spannend!

Wenn Ihr dieses Seminar verpasst habt, dann ist das kein Grund zum Traurig sein – die Falken Westliches Westfalen haben nämlich in diesem Jahr noch zwei Wochenendseminaren und eine Abendveranstaltung auf dem Programm. Also, anklicken und anmelden!

Ein schönes Dokument mit der Auswertung des Seminars und den Flipchart-Bildern findet Ihr hier.

Freundschaft!

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